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Wissenschaftliche Hintergründe

Neurologie, Kognition und Genetik der Aphantasie – der aktuelle Forschungsstand

Blatt · Wissen2 Min. Lesezeit

Inhalt

Die wissenschaftliche Erforschung von Aphantasie begann erst 2015 mit Adam Zemans bahnbrechender Studie. Seitdem hat die Forschung wichtige Erkenntnisse über die neurologischen Grundlagen, kognitive Unterschiede und mögliche genetische Faktoren geliefert.

Neurologie: Was passiert im Gehirn?

Forscher bezeichnen mentale Vorstellung als „Vision in Reverse“ – das Gehirn aktiviert den visuellen Kortex von oben nach unten (Top-down), statt von unten nach oben wie beim tatsächlichen Sehen. Bei Aphantasie fanden Milton et al. (2021) im Ruhezustand eine schwächere Kopplung zwischen präfrontalen Arealen und dem visuellen Netzwerk; wie genau die Top-down-Kette bei Aphantasie verändert ist, ist noch offen.

  • Schwächere präfrontal-visuelle Konnektivität im Ruhezustand, keine nachgewiesene pauschal „reduzierte“ V1-Aktivierung (Milton et al. 2021, Cerebral Cortex Communications)
  • Das Sehen selbst ist nicht beeinträchtigt
  • Unterschiede in der Konnektivität zwischen präfrontalem Kortex und visuellem System

Kognition & Gedächtnis

Menschen mit Aphantasie zeigen charakteristische kognitive Profile. Das autobiografische Gedächtnis ist oft weniger episodisch-detailreich, dafür wird mehr auf semantisches (Fakten-)Wissen zurückgegriffen. Das ist kein Defizit – nur eine andere Strategie.

  • Autobiografisches Gedächtnis: weniger sensorische Details, mehr Fakten
  • Semantisches Gedächtnis (Faktenwissen): nach bisherigen Befunden weitgehend unauffällig
  • Problemlösung: oft konzeptuell statt visuell

Genetik: Liegt Aphantasie in der Familie?

Erste Studien deuten auf eine genetische Komponente hin. Aphantasie tritt in Familien gehäuft auf (Zeman et al. 2020, Cortex) – eine erste Schätzung ergab für Geschwister ein etwa zehnfach erhöhtes Risiko, beruht aber auf Selbstauskünften und ist nicht repliziert.

  • Familiäre Häufung in mehreren Studien beobachtet
  • Erste, nicht replizierte Risikoschätzung für Geschwister (Zeman et al. 2020)
  • Spezifische Gene noch nicht identifiziert

Wissenschaftliche Testverfahren

Drei Hauptmethoden werden zur Messung von Aphantasie verwendet: Zwei subjektive Fragebögen und ein objektiver Test.

VVIQ (Vividness of Visual Imagery Questionnaire)

Seit 1973 der meistgenutzte Fragebogen. 16 Fragen zur Lebhaftigkeit visueller Vorstellung. Scores von 16 (Aphantasie) bis 80 (Hyperphantasie).

PSIQ (Plymouth Sensory Imagery Questionnaire)

Misst Vorstellungsvermögen über alle 7 Sinne. Zeigt, ob eine schwache Vorstellung nur das Sehen oder mehrere Sinne betrifft.

Binocular Rivalry

Ein Test, der nicht auf Selbsteinschätzung beruht. Nutzt den Priming-Effekt: Vorgestellte Bilder „gewinnen“ im Wettstreit. Aphantasie-Gruppen zeigen diesen Effekt im Mittel nicht; die individuelle Streuung ist groß.

Unsere Testinstrumente & verwendete Quellen

Der VST-16 und MST-21 auf aphantasie.org folgen der Methodik etablierter Forschungsinstrumente (VVIQ und PSIQ), enthalten aber in eigenen Worten formulierte Items. Die zugrunde liegenden Originalinstrumente und Schlüsselpublikationen:

  • Marks, D.F. (1973). British Journal of Psychology, 64(1), 17–24.
  • Andrade, J., May, J., Deeprose, C., Baugh, S.-J., & Ganis, G. (2014). British Journal of Psychology, 105(4). doi:10.1111/bjop.12050
  • Zeman, A., Dewar, M., & Della Sala, S. (2015). Cortex, 73, 378–380.
  • Wright, D.J. et al. (2024). Frontiers in Psychology. doi:10.3389/fpsyg.2024.1454107
  • Pearson, J., Clifford, C.W.G., & Tong, F. (2008). Current Biology, 18(13), 982–986.
  • Pearson, J., Rademaker, R.L., & Tong, F. (2011). Psychological Science, 22(12), 1535–1542.
  • Keogh, R., & Pearson, J. (2018). Cortex, 105, 53–60. doi:10.1016/j.cortex.2017.10.012
  • Monzel, M. et al. (2025). Behavior Research Methods. doi:10.3758/s13428-025-02780-6

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