Leben mit Aphantasie
Was Studien über Erinnern, Lernen, Lesen und Beruf zeigen – ohne innere Bilder, mit inneren Bildern und mit sehr lebhaften
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Inhalt
Dein Testergebnis sagt, wie lebhaft deine inneren Bilder sind. Was das im Alltag bedeutet, haben Studien bisher vor allem für Menschen ohne innere Bilder untersucht. Diese Seite fasst zusammen, was belegt ist, nennt zu jeder Aussage die Studie und sagt, wo noch nichts bekannt ist.
So liest du diese Seite
Die ersten drei Abschnitte folgen den Bereichen der Skala von 16 bis 80 Punkten, auf der der VST-16 und der Original-VVIQ auswerten. Alle Befunde sind Mittelwerte von Gruppen: Sie beschreiben, was in Studien häufiger vorkam, und sagen nichts Sicheres über eine einzelne Person. Ein Selbsttest ist keine Diagnose.
Ohne innere Bilder
16–32 PunkteIn diesem Bereich liegen Aphantasie und Hypophantasie: keine oder nur schwache innere Bilder. Die Studien ziehen die Grenze verschieden – manche bei 23 Punkten (Zeman et al. 2020), andere bei 32 (Dance et al. 2021). Fast alles, was über den Alltag bekannt ist, stammt aus Vergleichen dieser Gruppe mit Menschen mit typischer Vorstellung.
Erinnern
Am besten belegt ist ein Unterschied beim Erinnern an das eigene Leben. In Interviews nannten Menschen mit Aphantasie weniger Einzelheiten, die zum Ereignis selbst gehören, als die Vergleichsgruppen – bei jüngeren wie bei älteren Erinnerungen (Milton et al. 2021; 24 Personen mit Aphantasie, 20 mit typischer Vorstellung, 25 mit Hyperphantasie). Dasselbe zeigte sich für ausgedachte künftige Ereignisse (Dawes et al. 2022).
Standard-Gedächtnistests zeigten in derselben Studie keinen Unterschied zwischen den Gruppen (Milton et al. 2021), und für das Arbeitsgedächtnis fand eine weitere Arbeit keine geringere Kapazität (Keogh, Wicken & Pearson 2021). Eine andere Studie fand dagegen schwächere Leistungen in visuellen und verbalen Gedächtnisaufgaben (Monzel, Vetterlein & Reuter 2022; 67 Personen mit Aphantasie, 32 Vergleichspersonen). Die Befunde widersprechen sich also. Betroffen ist nach heutigem Stand vor allem das detailreiche Wiedererleben, nicht das Wissen darüber, was geschehen ist.
In einer großen Befragung nannten Menschen mit Aphantasie ihr Gedächtnis häufiger „schlecht“, Menschen mit Hyperphantasie häufiger „gut“ (Zeman et al. 2020; 2000 Personen mit Aphantasie, 200 mit Hyperphantasie, 200 Vergleichspersonen). Die Teilnehmenden mit Aphantasie und Hyperphantasie hatten sich nach Medienberichten selbst gemeldet.
Mehr zum Erinnern an das eigene Leben (SDAM)
Lernen, Schule, Studium
Für Nachteile in Schule oder Studium gibt es bisher keinen Beleg, und ebenso wenig für Vorteile. In einer Stichprobe aus der Allgemeinbevölkerung hing die Lebhaftigkeit der Vorstellung nach Korrektur für Mehrfachtests nicht mit den Schulnoten zusammen, geprüft in 9 Fächern und 5 Klassenstufen (Monzel et al. 2023; 115 Personen). Die Arbeit nennt sich selbst vorläufig und hat keine Gruppe mit Aphantasie untersucht.
Unter 450 Studierenden eines Einführungskurses in Psychologie (78 % im ersten Studienjahr) unterschieden sich die beiden Randgruppen, jene mit Aphantasie und jene mit Hyperphantasie, nicht darin, wie sie an das Lernen herangehen (Cavazos et al. 2025; darunter 21 mit Aphantasie und 36 mit Hyperphantasie). Noten hat die Studie nicht verglichen. Einen Vergleich der Noten von Menschen mit und ohne Aphantasie haben wir in keiner geprüften Arbeit gefunden.
Lesen
Beim Lesen einer Kurzgeschichte waren Menschen mit Aphantasie weniger in die Geschichte vertieft und fühlten weniger mit den Figuren. Wie gut ihnen die Geschichte gefiel, unterschied sich nicht, und ihre Lesegewohnheiten auch nicht (Speed, Eekhof & Mak 2024; 47 Personen mit Aphantasie, 51 Vergleichspersonen, eine einzige Geschichte).
Gefühle und Belastung
Beim Lesen und Vorstellen furchterregender Geschichten blieb in einer Laborstudie die körperliche Reaktion, gemessen am Hautleitwert, bei Aphantasie flach. Beim Ansehen furchterregender Bilder gab es keinen Unterschied (Wicken, Keogh & Pearson 2021). Gedämpft war also die Reaktion auf Vorgestelltes, nicht auf Gesehenes; über Gefühle im Allgemeinen sagt das nichts.
Bei Belastungen nach einem Trauma fand eine Befragung insgesamt keinen Unterschied. Berichtet wurden etwas weniger sich aufdrängende Erinnerungen und weniger Vermeidung, aber etwas mehr negative Veränderungen in Denken und Stimmung – jeweils kleine Effekte (Dawes et al. 2020; 267 Personen mit Aphantasie, 203 Vergleichspersonen). Einen Schutz vor einer Traumafolgestörung belegt das nicht.
Orientierung und räumliches Denken
Auf vertrauten Wegen und in der Einschätzung des eigenen Orientierungssinns unterschieden sich Menschen mit Aphantasie nicht von anderen. Nur zu selten gegangenen Wegen fielen ihnen weniger Sinneseindrücke ein (Li et al. 2025; Fragebogen: 113 Personen mit Aphantasie und 110 Vergleichspersonen, Wegbeschreibung: 65 und 72). In einem Navigationsspiel brauchten sie in schwierigen Leveln deutlich länger, in leichten nicht (Li et al. 2026; 63 Personen mit Aphantasie, 99 Vergleichspersonen) – eine Spielumgebung, kein realer Weg. In dieser Studie schätzten sie ihr räumliches Vermögen und ihr Gedächtnis auch selbst schwächer ein – anders als in der Arbeit von 2025.
Zeichnungen aus dem Gedächtnis enthielten bei Aphantasie weniger Gegenstände und weniger Farbe, waren räumlich aber gleich genau und hatten weniger Gedächtnisfehler (Bainbridge et al. 2021). Beim gedanklichen Drehen von Figuren waren Menschen mit Aphantasie langsamer, aber genauer (Kay, Keogh & Pearson 2024).
Gesichter
Menschen mit Aphantasie berichten häufiger Schwierigkeiten, Gesichter wiederzuerkennen (Zeman et al. 2020). In einem Gedächtnistest für Gesichter schnitten sie in einer Studie schwächer ab (Dance, Hole & Simner 2023); in einer anderen gab es bei berühmten Gesichtern und in einem weiteren Gesichtertest keinen Unterschied (Milton et al. 2021).
Beruf
Unter den Menschen, die sich für die große Befragung selbst gemeldet hatten, arbeiteten jene mit Aphantasie seltener in Kunst, Design, Unterhaltung, Sport und Medien und häufiger in Informatik, Mathematik sowie Natur- und Sozialwissenschaften als jene mit Hyperphantasie (Zeman et al. 2020). Das ist eine Häufung unter Selbstmeldern, keine Ursache; ein Vergleich mit typischer Vorstellung fehlt.
Zwischen Studierenden aus Kunst, Architektur, Jura und Zahnmedizin unterschied sich die Lebhaftigkeit der Vorstellung nicht (Smyth, Acharya & Hunt 2019). Eine Empfehlung für oder gegen einen Beruf lässt sich aus diesen Daten nicht ableiten.
Träume
In der großen Befragung gaben 63,4 % der Teilnehmenden mit Aphantasie an, in Bildern zu träumen (Zeman et al. 2020).
Mit inneren Bildern
33–74 PunkteIn diesem Bereich liegen die meisten Menschen (Wright et al. 2024). In den Studien ist das die Vergleichsgruppe mit „typischer“ Vorstellung: Was oben als Unterschied beschrieben ist, bemisst sich an ihr.
Auch innerhalb dieses Bereichs sind innere Bilder verschieden lebhaft. Mit den Schulnoten hing das in einer Stichprobe aus der Allgemeinbevölkerung nicht zusammen (Monzel et al. 2023), und zwischen Studierenden verschiedener Fächer unterschied es sich nicht (Smyth, Acharya & Hunt 2019).
In der großen Befragung nannte die Vergleichsgruppe ihr Gedächtnis häufiger „normal“ als die beiden anderen Gruppen (Zeman et al. 2020).
Mehr ist für die Mitte der Skala nicht gesondert untersucht: Die Arbeiten, die wir geprüft haben, fragen nach den beiden Enden. Dass die Befunde zu Aphantasie bei einem Wert in der Mitte „ein bisschen“ gelten, ist nicht belegt.
Sehr lebhafte Bilder
75–80 PunkteAb 75 Punkten sprechen Studien von Hyperphantasie (Zeman et al. 2020). Dazu gibt es deutlich weniger Forschung als zu Aphantasie: Vergleichsdaten liegen aus drei Arbeiten vor (Zeman et al. 2020; Milton et al. 2021; Cavazos et al. 2025).
- ErinnernMenschen mit Hyperphantasie nannten ihr Gedächtnis häufiger „gut“ (Zeman et al. 2020) und schilderten in Interviews mehr Einzelheiten, die zum Ereignis selbst gehören, als Menschen mit Aphantasie (Milton et al. 2021).
- LernenStudierende mit Hyperphantasie berichteten ein stärkeres Erinnern an Erlebtes und mehr Lernverhalten wie Selbsttests als Studierende mit Aphantasie; in der Herangehensweise an das Lernen gab es zwischen den beiden Randgruppen keinen Unterschied (Cavazos et al. 2025).
- BerufUnter Selbstmeldern waren kreative Berufe bei Hyperphantasie häufiger als bei Aphantasie (Zeman et al. 2020) – eine Häufung, keine Ursache.
- PersönlichkeitIn einer kleinen Studie war die Offenheit für Erfahrungen bei Hyperphantasie erhöht (Milton et al. 2021).
Zu Lesen, Orientierung, Gesichtern im Test und zu Trauer bei Hyperphantasie haben wir keine belastbare Studie gefunden.
Was Menschen ohne innere Bilder stattdessen tun
Mehrere Studien beschreiben, dass Menschen mit Aphantasie Aufgaben auf anderem Weg lösen – in einigen davon mit gleichem Ergebnis.
- Wissen statt SehenGefragt, wie viele Fenster ihre Wohnung hat, zählten Menschen mit Aphantasie nicht an einem inneren Bild ab. Sie nutzten räumliches Vorstellen ohne Bild, die Vorstellung von Bewegung oder schlichtes Wissen (Zeman et al. 2020).
- Worte als GerüstBeim Zeichnen aus dem Gedächtnis stützten sie sich stärker auf Worte (Bainbridge et al. 2021).
- Zerlegen statt drehenBeim gedanklichen Drehen von Figuren gingen sie eher analytisch vor (Kay, Keogh & Pearson 2024).
- Andere Wege im ArbeitsgedächtnisBei gleicher Leistung berichteten sie in allen Gedächtnisaufgaben andere Strategien als die Vergleichsgruppe (Keogh, Wicken & Pearson 2021).
- Im StudiumIn Interviews beschrieben 14 Studierende mit Aphantasie, was sie tun: in Listen auslagern, sprachlich verarbeiten, an Bekanntes anknüpfen, mehrere Sinneswege nutzen (Cavazos et al. 2025).
Ob eine dieser Strategien die Leistung verbessert, hat keine dieser Arbeiten geprüft. Sie beschreiben, was Menschen tun – ein Rat mit Wirkversprechen lässt sich daraus nicht ableiten.
Mit Angehörigen darüber sprechen
Etwa die Hälfte der Befragten sagte, die Stärke ihrer Vorstellung wirke sich auf ihre Beziehungen aus: 48,7 % mit Aphantasie und 53 % mit Hyperphantasie, ohne Unterschied zwischen den Gruppen (Zeman et al. 2020). Die meisten von ihnen nannten die Auswirkung negativ (95,5 % und 75,8 %); worin sie besteht, hat die Studie nicht ausgewertet.
Wie solche Gespräche verlaufen, hat keine der geprüften Arbeiten untersucht. Diese Sätze sagen nicht mehr, als oben belegt ist:
- „Ich weiß, was war. Mir fallen nur weniger Einzelheiten ein, die du noch vor dir siehst.“ (Erinnern: Milton et al. 2021)
- „Wenn ich lese, tauche ich weniger in die Geschichte ein. Gefallen kann sie mir trotzdem.“ (Lesen: Speed, Eekhof & Mak 2024)
- „Dass ich mir nichts bildlich vorstellen kann, heißt nicht, dass ich nicht träume: In einer großen Befragung gaben 63,4 % der Teilnehmenden mit Aphantasie an, in Bildern zu träumen.“ (Träume: Zeman et al. 2020)
- „Das Ergebnis stammt aus einem Selbsttest. Es ist keine Diagnose.“
Zu Trauer und Verlust bei Aphantasie haben wir keine belastbare Studie gefunden. Ob Menschen ohne innere Bilder anders trauern, ist nicht untersucht.
Wer sich mit anderen austauschen möchte: Welche Communities es im Netz gibt, steht in unserer FAQ.
Was die Forschung noch nicht weiß
- Viele Stichproben bestehen aus Menschen, die sich selbst gemeldet haben – nach Medienberichten oder über Online-Gruppen (Zeman et al. 2020; Dawes et al. 2020). Wie häufig etwas in der Bevölkerung vorkommt, lässt sich daraus nicht ableiten.
- Mehrere Gruppen sind klein: In einer Studie zum Erinnern an das eigene Leben waren es 14 Personen mit Aphantasie und 16 Vergleichspersonen (Monzel et al. 2024).
- Zu Trauer gibt es keine Studie, zu Hyperphantasie nur wenige.
- Ob eine Strategie hilft, ist nicht geprüft.
- Alle Befunde sind Mittelwerte von Gruppen. Sie sagen nicht voraus, wie es einer einzelnen Person geht.
Wissenschaftliche Quellen
- Zeman, A., Milton, F., Della Sala, S. et al. (2020). Phantasia – The psychological significance of lifelong visual imagery vividness extremes. Cortex, 130, 426–440. doi:10.1016/j.cortex.2020.04.003
- Milton, F., Fulford, J., Dance, C. et al. (2021). Behavioral and Neural Signatures of Visual Imagery Vividness Extremes: Aphantasia versus Hyperphantasia. Cerebral Cortex Communications, 2(2), tgab035. doi:10.1093/texcom/tgab035
- Dawes, A. J., Keogh, R., Andrillon, T. & Pearson, J. (2020). A cognitive profile of multi-sensory imagery, memory and dreaming in aphantasia. Scientific Reports, 10, 10022. doi:10.1038/s41598-020-65705-7
- Dawes et al. (2022). Memories with a blind mind: Remembering the past and imagining the future with aphantasia. Cognition, 227, 105192. doi:10.1016/j.cognition.2022.105192
- Monzel, Vetterlein & Reuter (2022). Memory deficits in aphantasics are not restricted to autobiographical memory. Journal of Neuropsychology, 16. doi:10.1111/jnp.12265
- Monzel, Dance, Azañón & Simner (2023). Aphantasia within the framework of neurodivergence: Some preliminary data and the curse of the confidence gap. Consciousness and Cognition, 115, 103567. doi:10.1016/j.concog.2023.103567
- Monzel et al. (2024). Hippocampal-occipital connectivity reflects autobiographical memory deficits in aphantasia. eLife, 13. doi:10.7554/eLife.94916
- Keogh, Wicken & Pearson (2021). Visual working memory in aphantasia: Retained accuracy and capacity with a different strategy. Cortex, 143. doi:10.1016/j.cortex.2021.07.012
- Cavazos et al. (2025). Living and learning with a blind mind's eye: college students with aphantasia. Frontiers in Psychology, 16, 1615860. doi:10.3389/fpsyg.2025.1615860
- Speed, Eekhof & Mak (2024). The role of visual imagery in story reading: Evidence from aphantasia. Consciousness and Cognition, 118, 103645. doi:10.1016/j.concog.2024.103645
- Wicken, Keogh & Pearson (2021). The critical role of mental imagery in human emotion. Proceedings of the Royal Society B, 288. doi:10.1098/rspb.2021.0267
- Li et al. (2025). Impoverished recall of sensory details along infrequently travelled routes in aphantasia. Memory, 33. doi:10.1080/09658211.2025.2507948
- Li et al. (2026). Aphantasia is associated with spatial memory and navigation difficulties in complex virtual environments. Neuropsychologia, 230, 109517. doi:10.1016/j.neuropsychologia.2026.109517
- Bainbridge et al. (2021). Quantifying aphantasia through drawing. Cortex, 135. doi:10.1016/j.cortex.2020.11.014
- Kay, Keogh & Pearson (2024). Slower but more accurate mental rotation performance in aphantasia. Consciousness and Cognition, 121, 103694. doi:10.1016/j.concog.2024.103694
- Dance, Hole & Simner (2023). The role of visual imagery in face recognition and the construction of facial composites. Cortex, 167. doi:10.1016/j.cortex.2023.06.015
- Dance, C. J., Jaquiery, M., Eagleman, D. M., Porteous, D., Zeman, A. & Simner, J. (2021). What is the relationship between Aphantasia, Synaesthesia and Autism? Consciousness and Cognition, 89, 103087. doi:10.1016/j.concog.2021.103087
- Smyth, Acharya & Hunt (2019). Is visual imagery ability higher for orthodontic students than those in other disciplines? Journal of Orthodontics, 46. doi:10.1177/1465312519851216
- Wright, D. J. et al. (2024). An international estimate of the prevalence of differing visual imagery abilities. Frontiers in Psychology, 15, 1454107. doi:10.3389/fpsyg.2024.1454107
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