SDAM: stark eingeschränktes autobiografisches Gedächtnis
Was hinter dem Begriff steckt, was die Forschung zeigt und wie SDAM mit Aphantasie zusammenhängt
Inhalt
SDAM steht für „Severely Deficient Autobiographical Memory“, auf Deutsch etwa: stark eingeschränktes autobiografisches Gedächtnis. Gemeint sind Menschen, die selbst Erlebtes ein Leben lang kaum lebhaft aus der eigenen Perspektive wieder abrufen können, obwohl ihr übriges Denken unauffällig ist. Beschrieben wurde SDAM an drei gesunden Erwachsenen (Palombo et al. 2015).
Was ist SDAM?
Das autobiografische Gedächtnis ist das Gedächtnis für das eigene Leben: für Ereignisse, die du selbst erlebt hast. Palombo und Kollegen beschrieben 2015 drei gesunde Erwachsene, die im Alltag leistungsfähig waren, aber ein lebenslang stark eingeschränktes autobiografisches Gedächtnis hatten. Sie konnten persönlich erlebte Ereignisse kaum lebhaft aus der Ich-Perspektive wieder abrufen. Ihre übrigen geistigen Fähigkeiten waren erhalten.
Die Einschränkung ist also gezielt: Sie betrifft das lebhafte Wiedererinnern eigener Erlebnisse, nicht das Denken, Lernen oder Wiedererkennen insgesamt. Die Forschenden bestätigten die Selbstbeschreibung mit Hirnmessungen und mit Gedächtnisaufgaben, bei denen besonders das Abrufen visueller Einzelheiten schwächer war.
- Erstbeschreibung: Palombo et al. 2015
- 3 Fälle in der Erstbeschreibung
- Häufigkeit: unbekannt
Was die Forschung zeigt
Die Erstbeschreibung beruht auf drei Personen, einer Frau und zwei Männern, die sich von sich aus beim Forschungsteam gemeldet hatten, um mehr über ihr Gedächtnis zu erfahren. Verglichen wurden sie je nach Untersuchung mit 15, 21 oder 9 Vergleichspersonen (Palombo et al. 2015).
- Lebhaftigkeit beim Erinnern
- 2,03 vs. 5,99
- eigene Einschätzung im MRT: SDAM-Fälle vs. 21 Vergleichspersonen
- Wiedererkennen
- 64 % vs. 70 %
- korrigierte Treffer: SDAM-Fälle vs. Vergleichspersonen, also ähnlich
- Hippocampus rechts
- ca. 10 %
- kleiner, nur auf einer Seite; bei Entwicklungsamnesie meist beidseitig ca. 30–50 %
- Tests zu Denken und Gedächtnis:Bis auf eine Ausnahme lagen die Ergebnisse im normalen Bereich oder darüber. Nur beim Rey-Complex-Figure-Test, einer Aufgabe mit einer komplexen Zeichnung, schnitten alle drei durchgängig schwächer ab.
- Hirnsignale:Beim Wiedererkennen zeigten die Vergleichspersonen ein typisches spätes Signal in der EEG-Messung (späte Positivität). Bei den SDAM-Fällen fehlte es, obwohl sie ähnlich gut wiedererkannten. Auch im MRT fehlten die Aktivierungsmuster, die beim Erinnern sonst auftreten.
Vorsicht bei der Deutung
Die Autorinnen und Autoren schreiben selbst: Wegen der kleinen Stichprobe und der vielen statistischen Vergleiche sollten die Ergebnisse vorsichtig gedeutet werden. (Palombo et al. 2015)
SDAM und Aphantasie: Wie hängen sie zusammen?
Aphantasie beschreibt fehlende willentliche Bilder vor dem inneren Auge, SDAM ein stark eingeschränktes Wiedererleben eigener Erinnerungen. In der Erstbeschreibung von SDAM kommt das Wort Aphantasie nicht vor. Die Forschenden hielten dort ausdrücklich offen, ob die Gedächtnisschwäche auf eine grundlegendere Schwäche der Bildvorstellung zurückgeht oder auf die Verarbeitung selbstbezogener Informationen.
Später wurde die Verbindung deutlicher. Zeman schreibt 2024 in einer Übersichtsarbeit: Bei manchen Menschen mit Aphantasie ist das autobiografische Gedächtnis so stark eingeschränkt, dass ein gleichzeitiges SDAM naheliegt. Mindestens eine der drei Personen aus der Erstbeschreibung hat auch Aphantasie. Diese Person, Watkins, hat selbst über beides geschrieben. Er beobachtet, dass manche, aber nicht alle Menschen mit Aphantasie Gedächtnisprobleme haben, und folgert, dass Aphantasie und SDAM nicht genau dasselbe sind (Watkins 2018).
Erste Aphantasie-Studie
14 von 21 Teilnehmenden berichteten von Schwierigkeiten mit dem autobiografischen Gedächtnis. (Zeman et al. 2015)
Große Fragebogenstudie
Menschen mit Aphantasie berichteten häufiger von Schwierigkeiten beim Erkennen von Gesichtern und mit dem autobiografischen Gedächtnis. (Zeman et al. 2020)
Weniger Details beim Erinnern
Teilnehmende mit Aphantasie nannten deutlich weniger episodische Einzelheiten als Vergleichspersonen, sowohl bei vergangenen als auch bei vorgestellten zukünftigen Ereignissen. (Dawes et al. 2022)
Kaum Sinneseindrücke beim Erinnern
In einem Gedächtnis-Fragebogen gaben Menschen mit Aphantasie an, beim Erinnern fast keine visuellen Sinneseindrücke erzeugen zu können. (Dawes et al. 2020)
Diese Studien zeigen eine Überlappung. Sie haben aber keine SDAM-Diagnose gestellt. Wer Aphantasie hat, hat deshalb nicht automatisch SDAM.
Was die Forschung noch nicht weiß
- Wie häufig SDAM ist, ist unbekannt. Wir haben weder für die Bevölkerung noch für Menschen mit Aphantasie belastbare Zahlen gefunden.
- Es gibt keinen festgelegten Grenzwert, ab dem man von SDAM spricht.
- Die Erstbeschreibung beruht auf drei Personen, die sich selbst gemeldet haben.
- Wie Aphantasie und SDAM zusammenhängen, ist offen. Nach Zeman (2024) sprechen die bisherigen Befunde für sich überlappende Phänomene; das muss aber noch geklärt werden.
Keine Krankheit, keine Diagnose
SDAM wurde bei gesunden, im Alltag leistungsfähigen Erwachsenen beschrieben. Auch lebenslange Aphantasie gilt nicht als Störung (Zeman et al. 2020). Ein Selbsttest kann dir Hinweise geben, ersetzt aber keine fachliche Untersuchung. Wenn sich dein Erinnern oder deine Vorstellung plötzlich verändert hat, lass das ärztlich abklären.
Häufige Fragen zu SDAM
Was ist SDAM?
SDAM (Severely Deficient Autobiographical Memory) bezeichnet ein lebenslang stark eingeschränktes autobiografisches Gedächtnis: Selbst Erlebtes lässt sich kaum lebhaft aus der eigenen Perspektive wieder abrufen, während das übrige Denken erhalten ist. Beschrieben wurde es 2015 an drei gesunden Erwachsenen. (Palombo et al. 2015)
Haben alle Menschen mit Aphantasie SDAM?
Nein. Viele Menschen mit Aphantasie berichten von Schwierigkeiten mit dem autobiografischen Gedächtnis, in der ersten Studie 14 von 21. Aber nicht alle haben Gedächtnisprobleme, und in diesen Studien wurde kein SDAM diagnostiziert. Wie genau beides zusammenhängt, ist noch nicht geklärt. (Zeman et al. 2015; Watkins 2018; Zeman 2024)
Ist SDAM eine Hirnschädigung oder eine Amnesie?
In der Erstbeschreibung lagen die übrigen Test-Leistungen im normalen Bereich oder darüber. Der rechte Hippocampus war jeweils um etwa 10 % kleiner, nur auf einer Seite. Bei Entwicklungsamnesie ist er dagegen meist auf beiden Seiten um etwa 30–50 % verkleinert. Beschrieben wurden gesunde Erwachsene. (Palombo et al. 2015)
Wie wurde SDAM nachgewiesen?
Die drei Personen schätzten die Lebhaftigkeit ihrer Erinnerungen im MRT deutlich niedriger ein als die Vergleichspersonen (im Mittel 2,03 gegenüber 5,99). Im EEG fehlte beim Wiedererkennen ein spätes Signal, das die Vergleichspersonen zeigten, obwohl die Trefferquote ähnlich war (64 % gegenüber 70 %). (Palombo et al. 2015)
Kann man mit SDAM ganz normal leben und lernen?
Die drei beschriebenen Personen waren gesund und im Alltag leistungsfähig, und ihre Test-Leistungen lagen bis auf eine Ausnahme im normalen Bereich oder darüber. Weitergehende Aussagen gibt die kleine Stichprobe nicht her. (Palombo et al. 2015)
Kann ich testen, ob ich SDAM habe?
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Wissenschaftliche Quellen
- Palombo, D. J., Alain, C., Söderlund, H., Khuu, W. & Levine, B. (2015). Severely deficient autobiographical memory (SDAM) in healthy adults: A new mnemonic syndrome. Neuropsychologia, 72, 105–118. doi:10.1016/j.neuropsychologia.2015.04.012
- Watkins, N. W. (2018). (A)phantasia and severely deficient autobiographical memory: Scientific and personal perspectives. Cortex, 105, 41–52. doi:10.1016/j.cortex.2017.10.010
- Zeman, A. (2024). Aphantasia and hyperphantasia: exploring imagery vividness extremes. Trends in Cognitive Sciences, 28(5), 467–480. doi:10.1016/j.tics.2024.02.007
- Zeman, A., Dewar, M. & Della Sala, S. (2015). Lives without imagery – Congenital aphantasia. Cortex, 73, 378–380. doi:10.1016/j.cortex.2015.05.019
- Zeman, A., Milton, F., Della Sala, S. et al. (2020). Phantasia – The psychological significance of lifelong visual imagery vividness extremes. Cortex, 130, 426–440. doi:10.1016/j.cortex.2020.04.003
- Dawes, A. J., Keogh, R., Andrillon, T. & Pearson, J. (2020). A cognitive profile of multi-sensory imagery, memory and dreaming in aphantasia. Scientific Reports, 10, 10022. doi:10.1038/s41598-020-65705-7
- Dawes, A. J., Keogh, R., Robuck, S. & Pearson, J. (2022). Memories with a blind mind: Remembering the past and imagining the future with aphantasia. Cognition, 227, 105192. doi:10.1016/j.cognition.2022.105192
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