Anauralie
Wenn das innere Ohr still bleibt: keine Stimmen, Melodien oder Geräusche in der Vorstellung
Inhalt
Anauralie bezeichnet das Fehlen der Klangvorstellung: Stimmen, Musik oder Geräusche lassen sich nicht „im Kopf hören“. Den Begriff haben Hinwar und Lambert 2021 vorgeschlagen. In ihrer Studie hing Anauralie eng mit Aphantasie zusammen, kam aber in Einzelfällen auch ohne sie vor.
Was ist Anauralie?
Kannst du dir die Stimme eines Freundes oder dein Lieblingslied innerlich anhören? Viele Menschen können das, manche nicht. Weil es im Englischen kein Wort für das Fehlen dieser Klangvorstellung gab, schlugen Hinwar und Lambert 2021 den Begriff „Anauralie“ vor.
In ihrer Studie wurde die Klangvorstellung mit einem Fragebogen gemessen (BAIS-V). Wer im Mittel 2,0 oder weniger erreichte, galt als anauralisch. Für die Bildvorstellung nutzten sie eine Variante des VVIQ-Fragebogens (VVIQ-M) mit derselben Grenze von 2,0 für Aphantasie (Hinwar & Lambert 2021).
- Begriff: Hinwar & Lambert 2021
- Studie mit 128 Personen
- gemessen per Selbstauskunft
Was die Forschung zeigt
Hinwar und Lambert befragten 128 Personen, darunter 34, die von sich selbst sagten, Aphantasie zu haben. Viele Teilnehmende wurden über Aphantasie-Gruppen auf Facebook gewonnen. 29 Personen hatten nach der Einteilung keine Klangvorstellung.
- Zusammenhang
- 0,83
- zwischen Klang- und Bildvorstellung (Spearman-Korrelation)
- der Aphantasie-Gruppe
- 82 %
- waren auch anauralisch
- der Anauralie-Gruppe
- 97 %
- waren auch aphantasisch
Ganz deckungsgleich sind beide aber nicht: In der Aphantasie-Gruppe war eine Person mit typischer Klangvorstellung, und in der Gruppe ohne Klangvorstellung (29 Personen) eine Person mit typischer Bildvorstellung. Schwache Bild- und Klangvorstellung können also getrennt auftreten, wenn auch anscheinend selten (Hinwar & Lambert 2021).
Was größere Aphantasie-Studien berichten
- In der ersten Aphantasie-Studie sagten 10 von 21 Teilnehmenden, dass alle Sinne der Vorstellung betroffen seien (Zeman et al. 2015).
- In einer großen Fragebogenstudie gaben 54,2 % der Teilnehmenden mit Aphantasie an, dass die Vorstellung in allen Sinnen schwach sei. Viele hatten aber Vorstellungen in anderen Sinnen, am häufigsten im Hören (Zeman et al. 2020).
- Menschen mit Aphantasie berichteten im Mittel eine messbar schwächere Klangvorstellung. Nur 26,22 % gaben an, in gar keinem Sinn Vorstellungen zu haben (Dawes et al. 2020).
Anauralie und innere Stimme: nicht dasselbe
Anauralie meint fehlendes inneres Hören im Allgemeinen: Klänge, Musik, Stimmen. Die innere Stimme ist etwas Engeres, nämlich das Erleben, in Worten einer Sprache zu denken. Für das Fehlen dieser inneren Sprache haben Nedergaard und Lupyan (2024) einen eigenen Begriff vorgeschlagen: Anendophasie.
In ihrer Studie schnitten Menschen mit wenig innerer Sprache (46 Personen) im Vergleich zu Menschen mit viel innerer Sprache (47 Personen) schlechter beim kurzfristigen Behalten von Wörtern und beim Beurteilen von Reimen ab. Sie merken außerdem an, dass Klangvorstellung in früheren Studien teils als Ersatzmaß für innere Sprache verwendet wurde (Nedergaard & Lupyan 2024).
Anauralie und Anendophasie sind also getrennt definiert. Eine Studie, die beides in derselben Gruppe misst, haben wir bei unserer Recherche nicht gefunden.
Ein Erfahrungsbericht
Watkins, der selbst Aphantasie hat, beschreibt „ungehörte“ Wörter, die seine Gedanken tragen, und „ungehörte“ Musik: Er habe oft eine Melodie im Kopf, ihm fehle nur das direkte Erleben, sie zu „hören“. Das ist ein Einzelfall, zeigt aber, dass Denken in Worten ohne inneres Hören möglich ist (Watkins 2018).
Braucht es ein eigenes Wort?
Es wurde vorgeschlagen, für fehlende Vorstellung in jedem Sinn einen eigenen Begriff zu prägen, etwa „Anauralie“ für das fehlende innere Ohr. Zeman (2024) hält es für einfacher, bei den etablierten Begriffen Aphantasie und Hyperphantasie zu bleiben und sie bei Bedarf genauer zu beschreiben, zum Beispiel als „visuell“, „auditiv“ oder „global“. „Auditive Aphantasie“ wäre dann ein anderes Wort für Anauralie.
Grenzen der Forschung
- Die Studien beruhen ausschließlich auf Selbstauskünften über das eigene Innenleben. Das nennen Hinwar und Lambert selbst als Schwäche ihrer und anderer Studien.
- Die 29 von 128 Personen sind keine Häufigkeit in der Bevölkerung: Viele Teilnehmende kamen gezielt aus Aphantasie-Gruppen.
- Wie Anauralie und das Fehlen der inneren Stimme zusammenhängen, dazu haben wir bisher keine Studie gefunden.
Häufige Fragen zu Anauralie
Was ist Anauralie?
Anauralie ist das Fehlen der Klangvorstellung: Man kann sich Stimmen, Musik oder Geräusche nicht innerlich anhören. Den Begriff haben Hinwar und Lambert 2021 vorgeschlagen; als anauralisch galt, wer im Fragebogen im Mittel 2,0 oder weniger erreichte.
Haben Menschen mit Aphantasie meist auch kein inneres Hören?
Oft, aber nicht immer. Bei Hinwar und Lambert (2021) waren 82 % der aphantasischen Teilnehmenden auch anauralisch. In einer großen Studie sagten 54,2 % der Menschen mit Aphantasie, alle Sinne seien schwach; viele hatten aber Vorstellungen in anderen Sinnen, am häufigsten im Hören (Zeman et al. 2020).
Kann man Anauralie ohne Aphantasie haben?
Ja, das kommt vor, scheint aber selten zu sein. In der Studie von Hinwar und Lambert (2021) hatte eine der 29 Personen ohne Klangvorstellung eine typische Bildvorstellung.
Ist Anauralie dasselbe wie „kein innerer Monolog“?
Nicht ganz. Anauralie meint fehlendes inneres Hören allgemein. Das fehlende Erleben innerer Sprache wurde als Anendophasie beschrieben (Nedergaard & Lupyan 2024). Manche Menschen denken in Worten, ohne sie zu „hören“ (Watkins 2018).
Warum ist der Begriff umstritten?
Weil unklar ist, ob jeder Sinn ein eigenes Wort braucht. Zeman (2024) schlägt vor, bei Aphantasie zu bleiben und genauer zu sagen, welcher Sinn betroffen ist, etwa „auditive“ oder „globale“ Aphantasie.
Wissenschaftliche Quellen
- Hinwar, R. P. & Lambert, A. J. (2021). Anauralia: The Silent Mind and Its Association With Aphantasia. Frontiers in Psychology, 12, 744213. doi:10.3389/fpsyg.2021.744213
- Nedergaard, J. S. K. & Lupyan, G. (2024). Not Everybody Has an Inner Voice: Behavioral Consequences of Anendophasia. Psychological Science, 35(7), 780–797. doi:10.1177/09567976241243004
- Zeman, A. (2024). Aphantasia and hyperphantasia: exploring imagery vividness extremes. Trends in Cognitive Sciences, 28(5), 467–480. doi:10.1016/j.tics.2024.02.007
- Zeman, A., Milton, F., Della Sala, S. et al. (2020). Phantasia – The psychological significance of lifelong visual imagery vividness extremes. Cortex, 130, 426–440. doi:10.1016/j.cortex.2020.04.003
- Zeman, A., Dewar, M. & Della Sala, S. (2015). Lives without imagery – Congenital aphantasia. Cortex, 73, 378–380. doi:10.1016/j.cortex.2015.05.019
- Dawes, A. J., Keogh, R., Andrillon, T. & Pearson, J. (2020). A cognitive profile of multi-sensory imagery, memory and dreaming in aphantasia. Scientific Reports, 10, 10022. doi:10.1038/s41598-020-65705-7
- Watkins, N. W. (2018). (A)phantasia and severely deficient autobiographical memory: Scientific and personal perspectives. Cortex, 105, 41–52. doi:10.1016/j.cortex.2017.10.010
Zuletzt überprüft:
Weiterlesen
Hörst du innerlich etwas?
Der Test zum inneren Monolog fragt nach deiner inneren Stimme, der MST-21 nach deiner Vorstellung in allen Sinnen, auch im Hören. Beide dienen der Orientierung und sind keine Diagnose.