Innerer Monolog: Denkt jeder in Worten?
Was die Forschung über die innere Stimme weiß, und über Menschen, die ohne sie denken
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Inhalt
Nein, nicht jeder. Wie oft Menschen ihr Denken als innere Stimme erleben, reicht nach der Forschung von fast ständig bis gar nicht (Nedergaard & Lupyan 2024). Für das Fehlen der inneren Stimme gibt es seit 2024 einen Namen: Anendophasie.
Was ist der innere Monolog?
Mit innerem Monolog ist das innere Sprechen gemeint: Gedanken, die man als Sätze in einer Sprache erlebt, ohne sie laut auszusprechen. Die Forschung nennt das auch inneres Sprechen oder verbales Denken (Alderson-Day & Fernyhough 2015).
Wer innerlich spricht, erlebt das meist als die eigene Stimme mit ihrer natürlichen Betonung, nur ohne Ton (Hurlburt, Heavey & Kelsey 2013). Daneben gibt es viele Spielarten. Fragebögen wie der VISQ-R unterscheiden etwa verkürztes, dialogisches und bewertendes inneres Sprechen sowie die Stimmen anderer Menschen (Alderson-Day et al. 2018).
Hat jeder einen inneren Monolog?
Lange galt die innere Stimme als selbstverständlich. Neuere Studien zeigen, dass sie sich zwischen Menschen stark unterscheidet: Bei Erwachsenen reicht sie von fast ständig bis gar nicht (Nedergaard & Lupyan 2024).
Einen genauen Blick erlauben Studien, in denen Menschen zu zufälligen Zeitpunkten notieren, was gerade in ihnen vorgeht. In einer solchen Studie wurden bei 30 Studierenden je 10 zufällige Momente beschrieben. Inneres Sprechen kam in etwa einem Viertel der Momente vor, ebenso inneres Sehen, Denken ohne Worte und Bilder, Gefühle und bewusste Sinneseindrücke. Wie oft diese Formen vorkamen, unterschied sich von Person zu Person stark (Heavey & Hurlburt 2008).
- Personen
- 30
- Heavey & Hurlburt 2008
- zufällige Momente je Person
- 10
- beschrieben und ausgewertet
- häufige Formen des Erlebens
- 5
- inneres Sprechen ist eine davon
Wie viele Menschen haben keinen inneren Monolog?
Das weiß niemand genau. Eine belastbare Zahl für die Bevölkerung haben wir in der Forschung nicht gefunden. Sicher ist nur: Es gibt Menschen, die nach eigener Aussage kaum oder gar nicht innerlich sprechen.
Wie denkt man ohne innere Stimme?
Wer nicht in Worten denkt, denkt trotzdem. Die Forschung zum Erleben unterscheidet mehrere Formen, die im Alltag häufig vorkommen (Heavey & Hurlburt 2008):
- Inneres SprechenGedanken als Sätze in der eigenen Stimme.
- Inneres SehenGedanken als Bilder vor dem inneren Auge.
- Denken ohne Worte und BilderEin klarer Gedanke, der weder gesprochen noch gesehen wird.
- GefühleDas Erleben ist vor allem eine Stimmung oder Emotion.
- SinneseindrückeDie Aufmerksamkeit liegt bei dem, was man gerade sieht, hört oder spürt.
Worte und Bilder schließen sich dabei nicht aus. Ein Fragebogen zu den Arten des Denkens fand vier Bereiche: inneres Verbalisieren, visuelle Vorstellung, Vorstellung von geschriebenen Wörtern und das gedankliche Umformen von Vorstellungen. Alle vier hingen positiv miteinander zusammen (Roebuck & Lupyan 2020).
Anendophasie: wenn die innere Stimme fehlt
2024 schlugen Nedergaard und Lupyan den Begriff „Anendophasie“ für das Fehlen des inneren Sprechens vor. In ihren Studien verglichen sie 46 Erwachsene, die wenig innere Sprache angaben, mit 47 Erwachsenen, die viel innere Sprache angaben.
Unterschiede
- schwächere Leistung bei einer Aufgabe zum verbalen Arbeitsgedächtnis
- mehr Mühe zu beurteilen, ob sich zwei Wörter reimen
Keine Unterschiede
- beim Wechseln zwischen Aufgaben
- bei der Wahrnehmung von Kategorien
Anendophasie ist keine Diagnose. Es gibt keine festen Kriterien und keinen Grenzwert, ab dem jemand als anendophasisch gilt. Der Begriff beschreibt eine Spielart des Erlebens, die gerade erst erforscht wird.
Innerer Monolog und Aphantasie
Aphantasie betrifft die Bilder, der innere Monolog die Worte. Beides sind eigene Begriffe. Eng verwandt ist die Anauralie: das Fehlen der Klangvorstellung, also das innere Hören von Stimmen, Musik oder Geräuschen. Anendophasie meint dagegen das innere Sprechen selbst. Eine Studie, die beides in derselben Gruppe misst, haben wir nicht gefunden.
Man könnte vermuten, dass Menschen ohne innere Bilder dafür mehr in Worten denken. So einfach ist es nach den Daten nicht: Im Fragebogen von Roebuck und Lupyan (2020) hingen innere Worte und innere Bilder positiv zusammen, nicht gegenläufig. Deshalb lohnt es sich, beides getrennt anzuschauen: die Bilder mit dem VST-16, die innere Stimme mit dem IVS-15.
Wozu dient die innere Stimme?
Eine große Übersichtsarbeit bringt das innere Sprechen mit der Entwicklung des Denkens in der Kindheit, mit der Kontrolle der eigenen Sprache, mit dem Planen und Steuern von Handlungen und mit psychischen Erkrankungen in Verbindung. Das innere Sprechen scheint wichtige Aufgaben zu erfüllen und teilt sich Ressourcen mit anderen Denkvorgängen (Alderson-Day & Fernyhough 2015).
In der Studie mit 30 Studierenden ging häufigeres inneres Sprechen mit weniger psychischer Belastung einher (Heavey & Hurlburt 2008). Das ist ein Zusammenhang in einer kleinen Gruppe, kein Beleg dafür, dass eine innere Stimme gesünder macht.
Grenzen der Forschung
- Alle Befunde beruhen auf Selbstauskünften. Ob man innerlich spricht, lässt sich von außen nicht messen.
- Fragebögen und das Beschreiben zufälliger Momente kommen zu unterschiedlichen Bildern; die Autoren führen das auf die Methoden zurück (Hurlburt, Heavey & Kelsey 2013).
- Die Studien sind klein. Eine Zahl, wie häufig kein innerer Monolog in der Bevölkerung ist, gibt es nicht.
- Es gibt keinen Grenzwert für Anendophasie. Auch unser Selbsttest liefert eine Orientierung, keine Diagnose.
Häufige Fragen zum inneren Monolog
Hat jeder Mensch einen inneren Monolog?
Nein. Bei Erwachsenen reicht das Erleben der inneren Stimme von fast ständig bis gar nicht (Nedergaard & Lupyan 2024).
Wie viele Menschen haben keinen inneren Monolog?
Eine belastbare Zahl für die Bevölkerung gibt es nicht. Studien zeigen nur, dass sich Menschen darin stark unterscheiden und dass es Menschen gibt, die kaum innerlich sprechen.
Wie nennt man es, wenn man keine innere Stimme hat?
Nedergaard und Lupyan schlugen 2024 den Begriff „Anendophasie“ vor. Es ist keine Diagnose, sondern eine Bezeichnung für eine Spielart des Erlebens.
Wie denkt man ohne inneren Monolog?
Zum Beispiel in Bildern, in Gefühlen oder in klaren Gedanken ohne Worte und Bilder. Diese Formen kommen im Alltag häufig vor (Heavey & Hurlburt 2008).
Ist es schlimm, keine innere Stimme zu haben?
Nein, es ist keine Krankheit. In einer Studie schnitten Menschen mit wenig innerer Sprache bei zwei Wortaufgaben etwas schwächer ab, bei anderen Aufgaben nicht (Nedergaard & Lupyan 2024).
Wie finde ich heraus, ob ich einen inneren Monolog habe?
Achte ein paar Mal am Tag darauf, was gerade in dir vorgeht. Unser Selbsttest IVS-15 legt dir 15 Aussagen zum inneren Sprechen vor und dauert etwa 5 Minuten.
Wissenschaftliche Quellen
- Nedergaard, J. S. K. & Lupyan, G. (2024). Not Everybody Has an Inner Voice: Behavioral Consequences of Anendophasia. Psychological Science, 35(7), 780–797. doi:10.1177/09567976241243004
- Heavey, C. L. & Hurlburt, R. T. (2008). The phenomena of inner experience. Consciousness and Cognition, 17(3), 798–810. doi:10.1016/j.concog.2007.12.006
- Hurlburt, R. T., Heavey, C. L. & Kelsey, J. M. (2013). Toward a phenomenology of inner speaking. Consciousness and Cognition, 22(4), 1477–1494. doi:10.1016/j.concog.2013.10.003
- Alderson-Day, B. & Fernyhough, C. (2015). Inner Speech: Development, Cognitive Functions, Phenomenology, and Neurobiology. Psychological Bulletin, 141(5), 931–965. doi:10.1037/bul0000021
- Alderson-Day, B., Mitrenga, K., Wilkinson, S., McCarthy-Jones, S. & Fernyhough, C. (2018). The varieties of inner speech questionnaire – Revised (VISQ-R): Replicating and refining links between inner speech and psychopathology. Consciousness and Cognition, 65, 48–58. doi:10.1016/j.concog.2018.07.001
- Roebuck, H. & Lupyan, G. (2020). The Internal Representations Questionnaire: Measuring modes of thinking. Behavior Research Methods, 52(5), 2053–2070. doi:10.3758/s13428-020-01354-y
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Der IVS-15 legt dir 15 Aussagen vor, vom Selbstgespräch bis zu den Stimmen anderer. Er dient der Orientierung und ist keine Diagnose.